No. 4 Interview zum Hörbuch Hasenclever

Wiederbegegnung
Sabin Öclan im Gespräch mit Wolfgang Franßen
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Was macht das Leben Walter Hasenclevers für heutige Leser noch interessant?
Walter Hasenclever war der umjubelte Autor „Des Sohns“, gleichsam das erste expressionistische Theaterstück. Durch den Erfolg drang er in den inneren Kreis kultureller Intellektueller vor, begegnete Malern, Philosophen wie Autoren und Verlegern. Sie alle hatten Visionen von der Welt, wie sie sein sollte, wie sie sich zu verändern hatte. Sie alle waren angewidert vom Ersten Weltkrieg. Hasenclever hatte sich als Freiwilliger gemeldet, doch seine Erfahrungen an der Front wuchsen zu einem Trauma an, und er wurde zu einem entschiedenen Gegner jeden Krieges.
Er kam nach einem psychischen Zusammenbruch in eine Nervenanstalt.
Und traf da auf Kokoschka. Im Stück wird dieser Moment zu einer Burleske, und Ernst Deutsch unterrichtet ihn als Schauspieler, der die Krankheit vorspielen soll, um vom Kriegsdienst befreit zu werden.
Überhaupt arbeitet Ihr Stück mit vielen Revueelementen.
Man darf nicht vergessen, wann es geschrieben wurde: 1994. Seit den späten 1980er-Jahren stand ich sehr unter dem Einfluss von Le Grand Magic Circus eines Jérôme Savary. Oder den Inszenierungen eines Peter Zadek. Ein rein dokumentarisches Theater erschien mir für das Leben eines Theatermenschen wie Walter Hasenclever nicht annähernd zutreffend. Ihm durfte ich mich nur mit Mitteln des Theaters nähern.
Was sich ändert, nachdem das Dritte Reich ihn verfolgt.
Nehmen Sie einem Theaterautor oder einer Theaterautorin die Möglichkeit, dass ihre Stücke gespielt werden, verkümmern sie. Buchautoren können noch darauf hoffen, im Ausland gedruckt zu werden oder dass ihre Bücher im eigenen Land unter der Ladentheke weitergereicht werden. Aber Theatermenschen. Sie lösen sich auf, wenn sie nicht mehr gespielt werden. Hasenclevers allmähliche Zerrüttung fußt neben seiner Kindheit hierin.
Er war der Sohn eines Mediziners.
Und sollte sich standesgemäß verhalten. Erst als er sich mit „Ein besserer Herr“ der Komödie zuwandte, hat er sich von dieser Last befreit, die sich zuvor in der Zuwendung zum Mystiker Swedenborg zu verlieren manifestierte. Seine Zeit als Korrespondent in Paris war womöglich die Zeit seines Lebens überhaupt.
In Ihrem Essay ziehen Sie Parallelen zu unserer Zeit.
Natürlich können wir unsere Zeit nicht mit der Weimarer Republik vergleichen. Da sind wir gesellschaftlich besser aufgestellt und abgesichert. Und doch hat es mich erschreckt, zu lesen, wie unbedarft damals wie heute dieser Bewegung, die sich festgesetzt hat und von der Macht träumt, begegnet wird. Diskurs, kein Diskurs, Brandmauer, keine Brandmauer, Ausgrenzung, keine Ausgrenzung. Die Demokraten waren etwas zu selbstgefällig, und jetzt sind sie ohnmächtig. Das kann nicht gut sein. Es wird unsere wie Hasenclevers Zeit zerreißen. Deswegen ist das Stück, anders als noch in den 1990er-Jahren, hochaktuell.
Ich merke schon, es sollte wieder aufgeführt werden.
Zuerst jetzt als Hörbuch da. Jeder Zuhörer findet da seine eigenen Bilder.
Ist sein Freitod ein Zeichen für das Scheitern einer ganzen Generation?
Bei solchen Urteilen bin ich immer sehr vorsichtig. Sie werden mir zu schnell gefällt. Während wir uns in den 1970ern, 80ern, 90ern leicht auf die Position des Anklagenden gegen frühere Generationen ausruhen konnten und ihnen Fragen wie: Warum hast du nichts gemacht oder du kannst mir nicht sagen, du hättest von nichts gewusst, stellt sich doch jetzt die Frage, was werden zukünftige Generationen uns vorwerfen?
Herr Franßen, ich danke Ihnen für das Gespräch.
No. 3 Interview zum Hörbuch Du hast den Tod nicht verdient

Ich bin ein Opfer, aber ich will keins sein.
Lucie Brockmann im Gespräch mit Wolfgang Franßen
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Wieso veröffenlichen Sie Ihre R0mane als Hörbücher?
Nicht nur die Romane, ab nächstem Jahr auch meine Theaterstücke. Bei Stücken ist es ja leider so: Sind sie erst einmal abgespielt, überleben sie nur in den Erinnerungen derer, die sie auf der Bühne gesehen haben.
Sie waren überzwanzig Jahre Theaterregisseur und haben selbst Stücke geschrieben.
Von denen veröffentliche ich als erstes „Hasenclever“, das 1993 im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen uraufgeführt wurde. Mit ihm erinnere ich an Walter Hasenclever, einen jener expressionistischen deutschen Schriftsteller, der zur Zeit der Nazis aus demLeben geschieden ist.
Kommen wir zu Ihrem Roman. Sie schreiben in Ihrem Essay „Die große Täuschung“, dass es die Gerechtigkeit eigentlich nicht gibt, eher persönlich erfunden wird. Ist das nicht traurig?
Wie oft streiten sich Menschen, ob etwas gerecht ist oder nicht? Wie viele Angeklagte kommen nach Jahrzehnten frei? Wie viele sitzen in Staaten hinter Gittern, weil sie sich angeblich strafbar gemacht haben und als Oppositionelle aus dem Verkehr gezogen werden? Mit den Gesetzen versuchen wir, Ordnung zu schaffen, die Gerechtigkeit zu definieren. Schauen wir über die Grenzen, kann ein Gesetz im Nachbarland anders aussehen als in unserem eigenen. Ist ein Tatbestand also in einem Land gerecht und in dem andern nicht? Die Gerechtigkeit ist ein schwimmender Begriff, letztlich Auslegungssache. Das macht es oft nicht gerade gerecht.
Ist ein solcher Standpunkt angesichts des Terrorismus und der Gefahr von Anschlägen nicht verwerflich?
Aus Sicht der Opfer sicher. Ich habe nie verstanden, wenn es in einem Film oder einem Buch nach einem Mord hieß: Bringen Sie ihn zur Strecke, verhaften Sie ihn, suchen Sie den Mörder meines Mannes, meiner Frau, meiner Schwester, wen auch immer. Und wie von Zauberhand gelingt es. Es muss ein überzeugendes Motiv her und schon lässt sich alles erklären. Als könne eine lebenslange Haft oder ein Todesurteil irgendwas ausgleichen.Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht der Überzeugung, dass wir die Täter laufen lassen sollten. In „Du hast den Tod nicht verdient“ gehe ich der Frage nach:Wie weiterleben, wenn der Verlust eines Menschen uns schutzlos der Trauer überlässt?
Luna und Aylin können unterschiedlicher nicht sein. Hier die Künstlerin, da die Hedgefonds-Managerin. Bewusst so gewählt?
Die beiden sind es ja schon nicht mehr, wenn sie aufeinandertreffen. Sie durchleben eine Art Vakuum. Luna entwirft längst keine Möbel mehr. Ihre Kreativität hat sie verloren. Aylin hasst das Kapital, das im Umlauf bleiben muss, um Rendite abzuwerfen, und vor nichts zurückschreckt. Sie sind beide aus ihrer Welt gerissen und nicht therapierbar.
Da ist Aylins Bruder, krank, verbittert, rebellisch. Da ist Lunas Vater, unfähig, seiner Tochter die Liebe zu geben, die sie zum Leben braucht. Was fasziniert Sie an solchen Figuren?
Ich höre immer wieder den Spruch: Mit einem Beruf kommt man heutzutage nicht mehr durchs Leben. Also kann ich nur antworten: Mit einem Leben kommt man heutzutage nicht mehr durchs Leben. Nach Scheidungen wollen wir neu anfangen. Auch sonst bestehen wir darauf, dass es an der nächsten Ecke ein glücklicheres Leben für uns gibt.
Medikamentenmissbrauch, Alkohol – nicht gerade die besten Voraussetzungen, um ein glückliches Leben zu führen.
Und doch verbindet die beiden Frauen eine unausgesprochene Freundschaft, die auf Respekt voreinander beruht. Luna die Zauderin, Aylin die Fordernde. Sie treffen im Verlauf der Geschichte auf Menschen, deren Leben ihnen einen Weg weisen könnten. Luna auf eine alte Frau, die mit kostbaren Parkettböden in einer Villa lebt. Aylin vor langer Zeit auf einen Mentor, der sie zu erden versuchte.
Aber sie treffen auch auf Menschen, die sich so gerade über Wasser halten. Wie Bram in seinem Diner. Mit einem Bein im Schuldenturm, mit dem anderen hinter der Theke.
Ich behaupte ja nicht, dass es nicht auch Überlebenskünstler gibt.
Und die Gerechtigkeit? Was ist mit der?
Sie meinen für Bram? Für uns? Die Antwort kennen Sie.
Allesamt sind wir also Existenzialisten?
Lassen Sie das mal nicht die hören, die sagen, der Existenzialismus ist tot. Er kehrt gerade zurück.
Herr Franßen, ich bedanke mich für das Gespräch.
No. 2 Interview zum Hörbuch Himmel über der Grenze

Das eigene Leben suchen
Hauke Berndt im Gespräch mit Wolfgang Franßen
Foto:(c)Lomb/shuttersstock
Müssen wir in die Vergangenheit zurückblicken, um Lösungen für die Zukunft zu finden?
Sicher nicht. Aber es hilft, sich daran zu erinnern. Wie viel Hilfe Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg benötigte, um wieder auf die Beine zu kommen. Das vergessen wir bei der aktuellen Diskussion um Flüchtlinge und Migranten allzu leicht.
Werden Menschen in einer ausweglosen Situation kriminell?
Zumindest verwischen die Grenzen. Wer hungert, kann sich keine Moral leisten, der will überleben.Das Grenzgebiet um Aachen nannte man auch die Sündige Grenze? Ich bin da aufgewachsen. Habe als Junge noch erlebt, wie der Zoll auf der Lauer lag und Autos kontrollierte, die aus Belgien kamen. Aachen lag strategisch günstig im Dreiländereck zu den Niederlanden und Belgien. In manchen Orten verlief die Grenze mitten durch den Ort. Heutzutage in Europa ist es erlaubt, in Belgien oder Holland zu tanken, wenn dort die Spritpreise billiger sind. Ein legalisierter Schmuggel sozusagen, der zu einem erfolgreichen Binnenmarkt führte.
Lily will sich beim Überleben nicht mehr erwischen lassen. Was heißt das?
Lily ist schon in jungen Jahren rebellisch. Wenn sie mit ihrer Freundin Hella von Schützenfest zu Schützenfest zieht, passen sie nicht in das gängige Frauenbild jener Zeit. Zuhause führt ihr Vater ein strenges Regime, davor läuft sie weg, fängt als Krankenschwester in einem Lazarett an und gerät in Gefangenschaft. Sie hat das Gefühl, Jahre verloren zu haben, die sie nachholen muss. Sie will es nicht mehr zulassen, dass jemand anders als sie selbst über sie bestimmt. Vor allem keine Männer.
Was uns zu den Männern in Ihrem Roman führt.
Wer einen Krieg erlebt hat, und das wissen die Ukrainer gerade zu gut, für den ist im emotionalen wie rationalen Sinn nichts mehr so wie zuvor. Wenn ich mich früher mit Angehörigen von Kriegsheimkehrern unterhielt, fiel oft der Satz: Ja, so waren sie damals. Und damit war gemeint, dass man sie nicht mehr erreichte, dass sie emotionslos in ihre Familien zurückkehrten.
Deswegen eine Frau als Heldin Ihres Romans?
Mit dem Begriff Heldin würde ich vorsichtig umgehen. Lily ist keine Heldin, ich sehe in ihr auch keine Gescheiterte, eher eine, die auf einem eigenen Leben besteht. Sie steigt im Verlauf der Geschichte auf. Erwirbt ein Tuchwerk und beweist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein besonderes unternehmerisches Geschick. Wie es im Roman heißt, sie versteht, aus Dreck Geld zu machen. Wenn man sich die Erzählungen und Artikel über jene Zeit ansieht, werden immer nur die Männer erwähnt. Die legendären Gestalten im Hintergrund, die die Fäden zogen, wurden nie erwischt. Warum sollte nicht eine Frau unter ihnen sein?
Die Fiktion macht’s möglich?
Schreiben wir nicht, um uns anzunähern. Am Anfang stand das Bild einer jungen Frau, die aus dem Wald nach Hause kommt, die scheinbar unversehrt ist, die einen unbedingten Willen in sich trägt, sich nicht kleinkriegen lässt und einen Riss in sich spürt, den sie nicht zu schließen vermag.
Sie begegnet zwei Männern und scheint doch nicht mehr zur Liebe fähig zu sein?
Jerome ist durch das Schicksal seiner Familie seelisch gebrandmarkt. Der Moment der Annäherung zwischen Lily und ihm ist von einer Zärtlichkeit ganz anderer Art. Es kommt nicht zu einer stürmischen Wiedervereinigung. Sie sind einander fremd. Auch weil sie kurz vor dem Krieg mehr eine romantische Schwärmerei waren. Und doch suchen sie ineinander nach dem Menschen, den sie glauben, verloren zu haben. Um festzustellen, dass sie selbst nicht mehr so sind, wie sie einmal waren. Oder zumindest glaubten, so zu sein.
Und dabei haben sie alles. Der Krieg ist aus, das Wirtschaftswunder da.
In dem Wort Wirtschaftswunder ist gleich die Täuschung eingebunden. Das Wirtschaftswunder hat Deutschland eingelullt, auf die bewährte Art: Hast du genug zu essen, kannst dir ein paar Dinge leisten, ist alles gut.
Und Lily?
Es hat noch nie geholfen, die innere Leere zu ignorieren. Nach Abenteuern süchtig zu sein, um sich zu fühlen. Irgendwann holt jeder sich selbst ein.
Werden Sie sich weiter mit der Zeit beschäftigen?
Da mein Vater in der Zeit einer der Schmugglerbarone war, bin ich mit Geschichten über ihn aufgewachsen. Es lag deswegen nahe, dass ich über die Zeit schreiben würde. „Himmel über der Grenze“ ist auch ein Teil seiner Geschichte. Lily ein Teil von ihm.
Herr Franßen, ich danke Ihnen für das Gespräch.
No. 1 Interview zum Hörbuch Mado

Es ist eine Sucht, frei sein zu wollen.
Oda Wüst im Gespräch mit Wolfgang Franßen
Foto: (c) galdzer/Sergey Galushko
Ihr Roman „Mado“ erschien bereits 2020 im Europa Verlag. Warum jetzt das Hörbuch?
Obwohl ich die Geschichte vor Jahren geschrieben habe, hat sie mich nie losgelassen. Sie jetzt als Hörbuch von mir gesprochen herauszubringen, verschafft mir die Gelegenheit, an Mados Aufbegehren zu erinnern und ihr gleichzeitig meine Stimme zu leihen.
Welche Vorteile hat ein Hörbuch gegenüber einem Roman?
Da ich selber viele Hörbücher besitze, weiß ich um die Magie, die eine Geschichte befällt, wenn sie einem vorgelesen wird.
Wieso spielt die Geschichte in Frankreich?
Ich wollte immer in Frankreich leben. Das ist lange her und leider nie in die Tat umgesetzt worden. Mal waren es ein paar Monate im Süden, dann eine Woche in Paris oder der Bretagne. Mal saß ich im Kino, um mir französische Filme anzusehen. Michel Piccoli, Jeanne Moreau, Daniel Auteuil, Jean Reno. Nennen wir es frankophon. Was ich sicher einer belgischen Tante zu verdanken habe, die immer Französisch sprach, wenn sie nicht verstanden werden wollte. Das macht neugierig.
Es geht um die Sehnsucht nach Freiheit. Teilen Sie die?
Jeden Tag. Sie beinhaltet die Veränderung, den Fluss, die Hoffnung, sich nicht abzufinden. Natürlich ist Mado in sich gebrochen, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und berauscht sich an einem nächtlichen Leben. Man darf ruhig wie Mado wütend auf sich, die Welt, die Familie sein. Im Verlauf des Romans begreift sie, dass es auf sie ankommt. Insoweit besteht ihre Freiheit in der Hoffnung, der Kraft, aus der Ohnmacht auszubrechen.
Sind Familien wirklich so schlimm?
Schreiben und lesen wir nicht deswegen? Der berühmte Satz: Der Realität entfliehen, besagt doch alles. Dafür sind Geschichten da. Deswegen erzählen wir sie uns. Um Mut zu schöpfen, um alleingelassen mit uns vielleicht die eine oder andere Frage zu stellen, die nur wir uns beantworten können.
Eine Rebellin? Sind wir nicht alle rebellisch veranlagt?
Ich nicht. Ich wäre gerne einer. Und vielleicht habe ich mich in jungen Jahren auch so aufgeführt. Die Krux bei der Rebellion ist, herauszufinden, wofür man rebelliert. Da reicht es nicht aus, sich zu sagen: Ich weiß, wogegen ich bin, also zumindest das. Am Anfang des Romans ist Mado eine Rebellin. Hauptsache nicht so sein wie die eigene Mutter leben, die Schwester, dieses fatale Leben des „So war es und so wird es immer sein“. Am Ende hat sie sich, sich selber angenähert. Das erscheint wenig zu sein. Es ist so unendlich angstbehaftet, einzusehen, dass man sich selbst im Weg steht.
Werden noch mehr Hörbücher von Ihnen erscheinen?
Geplant ist eine ganze Reihe. Vor allem mit Texten, die bislang keinen Verlag gefunden haben. Beim Wiederlesen habe ich festgestellt, dass ich ihnen eine Stimme geben muss. Dass sie nicht weiter vor sich hinschlummern dürfen. Heute gibt es viele Möglichkeiten, auf einen Roman aufmerksam zu machen. Selbst gedruckte Exemplare müssen sich durchsetzen. Es reicht nicht mehr aus, in einer Buchhandlung auszuliegen. Neben den Hörbüchern wird es zu jeder Neuerscheinung ein kostenloses, digitales Magazin geben, in dem ein Essay zum jeweiligen Hörbuch, ein Interview und eine Leseprobe erscheinen.
Befinden wir uns in einem Wandel?
Unsere Branche verändert sich rasant schnell. Was früher wie in Stein gemeißelt erschien, allein in Händen von Verlagen, Buchhandlungen lag, wird durch das Social Media zu frischem Leben erweckt. Was die Möglichkeiten von Autorinnen und Autoren verändert. Die Verlage haben begriffen, dass vor allem eine junge Leserschaft nicht mehr über die klassischen Medien zu erreichen ist. Auch der Buchhandel profitiert zum Beispiel am Hype der New Adults. Wir befinden uns mitten in einer Renaissance der Geschichten. Wenn auch die Vertriebswege andere sind.
Warum schreiben Autoren angesichts der KI überhaupt noch?
Eines Tages wird sie uns glauben lassen wollen, dass sie so perfekt ist, dass sie Geschichten generiert. Gerade ist sie dabei, die Filmbranche zu revolutionieren. Auch in unserer Branche im Bereich von Korrektur und Recherche umtriebig. Um es ehrlich zu sagen, sie wird die Autorinnen und Autoren nie ersetzen können, weil deren Geschichten keinem Algorithmus folgen, der uns mit dem Immergleichen versorgt. Du hast das vorher gelesen, du sollst das auch in alle Zukunft lesen. Geschichten müssen sich entwickeln. Sie stehen manchmal still, benötigen Zeit, Verzweiflung, Entdeckung und führen oftmals auf Umwegen zum Ziel. Die KI ist in erster Linie für die Beschleunigung da. Faktenchecks, Kontrolle. Sie ist ein Wirtschaftsfaktor. Das langweilt mich nicht nur, es macht mich wütend, weil viele Jobs verlorengehen. Wie schnell wollen wir noch werden?
Kann Literatur die Sicht auf die Welt verändern?
Sie sieht zu. Im besten Fall bringt sie uns ins Straucheln.
Und die Hoffnung, was ist mit der?
Die lebt. Für immer.
Wann erscheint das nächste Hörbuch?
Im Juli. Das zweite Hörbuch der Reihe trägt den Titel „Himmel über der Grenze“. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die aus dem Krieg heimkehrt, zur Schmugglerin wird, ein Vermögen macht und in Zeiten des Wirtschaftswunders ihrem Vorsatz „sich nie wieder beim Überleben erwischen zu lassen“ durchzuhalten versucht. Wieder eine Geschichte über die Freiheit. Scheint mein Thema zu sein.
Herr Franßen, ich danke Ihnen für das Gespräch.