No. 5 zum Hörbuch Hasenclever

Was ist eine Komödie
von
Wolfgang Franßen
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Denken wir an das Wort Komödie, denken wir an den Boulevard. An gelöste Gesichter, an Heiterkeit, Schenkelklopfen, an Pointen. Es muss nicht immer gleich eine Torte im Gesicht landen, aber zumindest die Charaktere und die Geschichte so überzeichnet sein, dass jeder Lacher sitzt. Nichts irritiert einen Komödianten mehr, als wenn er ausbleibt.
Bei Molière ist sie entblößend. Bei Oscar Wilde hinterlistig im Ton. Bei Georges Feydeau verspielt. Tom Stoppard gewann einer Farce tiefe menschliche Abgründe ab. Ist Beckett ein Komödienschreiber? Viele Regisseure sind davon überzeugt. In ihren Inszenierungen verlieren sich die Rollen in Ernsthaftigkeit. Wer Schillers Räuber als Komödie inszeniert hat, weiß, dass keine Tragödie im Herzen nicht auch eine Komödie ist.
Im Gegensatz zum blanken Humor entspringt die Komik nicht dem zirkushaften Schwank, sie ist abgründig, mitunter philosophisch.
Wo im Boulevard Wert darauf gelegt wird, dass die Lächerlichkeit bis in die letzte Reihe reicht, um einen Lacher zu sichern, verlangt die Komödie nach einem Moment des Innehaltens. Was, wie, wurde warum gesagt? Da sitzen zwei und warten auf Godot. Ja und? Machen sie sich lächerlich, weil sie auf etwas warten, was nie eintreten wird? Die Komödie stellt niemanden bloß. Sie beobachtet.
Es wird immer wieder behauptet, willst du den Zuschauern etwas über den Zustand der Welt erzählen, bring sie zum Lachen. Wahrheiten lassen sich ertragen, indem man über sich selbst lacht, wenn man im Zuschauerraum sitzt und sich auf der Bühne begegnet.
Die größten Komödien aller Zeiten, wird behauptet, wurden von Shakespeare geschrieben. Worüber die meisten Komödienschreiber herzhaft lachen und kontern, es sei nicht mal sicher, ob Shakespeare die Stücke selbst geschrieben habe. Was wiederum eine Komödie überhaupt an sich wäre. Mit falschen Federn geschmückt und dabei erwischt worden.
So sind die besten Stücke durchzogen von Dienern, Verwandten, Konkurrenten, die mit List und Tücke die Wahrheit ans Licht bringen oder auch nicht. Da in unseren Zeiten die Wahrheit nebensächlich geworden ist, selbst zur Komödie verdammt, ist sie notwendiger als je. Mal sehen, ob wir über uns lachen können, wenn wir uns ins Gesicht blicken?
Womit wir bei der Politik angelangt sind. Kann man überhaupt Komödien über die Gesellschaft an sich, Politiker, den Zeitgeist und die Gerechtigkeit angesichts der um sich greifenden Selbstzensur schreiben, ohne zu moralisieren?
Wie stellt man eine Gesellschaft dar, die angesichts einer Kriegsgefahr in Privatissimen versinkt? Molière ließ sie blank sich selbst sein und schon machten sich die Akteure lächerlich. Wilde ließ sie sich um Kopf und Kragen reden. Beckett ist Beckett. Tiefgründig. Clownesk.
Der Kriegsgewinnler, der Kapital auftreiben muss, um in Panzer zu investieren. Die Liebesvergnügten, die sich das Leben als Tanz zurechtschneidern. Das Geschwisterpaar, das von klein auf inzestuöse Wege beschritten hat und doch das bürgerliche Leben hofiert. Alldas am Vorabend eines drohenden Krieges, blind für die Gefahr, dass alles verspielt ist.
Da rastet der Bruder auf dem Parkplatz aus und wirft dem Ehemann vor, seine Schwester verlassen zu haben. Das könnte mit allem Ernst eine hochdramatische Szene sein, wären die beiden nur nicht testosterongesteuert gesteuert. Wie Hunde hinterm Zaun fletschen sie die Zähne und kläffen sich die Seele aus dem Leib.
In der Komödie gilt das Ungesagte, das nicht beantwortet wird. Es lebe die Andeutung. Wilde verstand es, mit einem Satz nicht nur ein Bonmot zu setzen, vielmehr seine Charaktere aufzureißen.
Wobei ich zu der entscheidenden Frage komme: Ist es erlaubt, eine Rolle in einem Stück den Freitod wählen zu lassen? Darüber kann niemand lachen. Darüber darf man nicht lachen. Schuldbeladen dürfen die Schauspieler sein, verzweifelt ja, von Krankheiten durchsiebt, unglücklich verliebt nur dasitzen. Aber einfach aus dem Leben scheiden und keine Antworten hinterlassen? Das ist keine Pointe. Das ist kein Lacher. Darf die Komödie das?
Im Leben ist halt nicht alles lächerlich, was auf den ersten Blick so erscheint. Der eingebildete Kranke ist ein wahnwitziger Egozentriker und Oscar Wilde nannte seine liebste Komödie „The Importance of Being Earnest“. Gönnen wir uns also zum Schluss eine kleine Anmaßung: Die wahre Tragödie ist eine Komödie. Wer wüsste das nicht besser als die Zuschauer?
No. 4 zum Hörbuch Hasenclever

Ausweglos
von
Wolfgang Franßen
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Wie liest sich ein Roman, ein Gedicht, ein Drama nach dreißig Jahren? Es ist eine Binsenweisheit, dass Leser älter werden, und wo früher der jugendliche Sturm und Drang eine Rolle spielte, verweist mit zunehmendem Alter die Abgeklärtheit einen Text in die Schranken. Wir wissen womöglich noch, wann und wo, in welcher Stimmung, wie zu einem Buch gegriffen oder in einer Vorstellung saßen, was die Geschichte in uns ausgelöst hat, aber wir haben keine Ahnung, warum wir uns kaum noch an sie erinnern. Zu viele andere Geschichten, die sich uns aufgedrängt haben?
Bei meinem Stück „Hasenclever“, das 1994 im Ludwig Museum in Aachen uraufgeführt wurde, drängt sich plötzlich der veränderte Zeitgeist auf. Was in den 1990er-Jahren zum kulturellen Selbstverständnis gehörte, wandelt sich nach über dreißig Jahren zu einem Politikum angesichts der widererstarkten Rechten. Die erneute Begegnung führt einem radikal vor Augen, was da gerade durch Europa zieht.
Das Leben Walter Hasenclevers, dem in seinen Anfängen umjubelten expressionistischen Dichter des Theaterstücks „Der Sohns“, dessen Schicksal sinnbildlich ist für viele, die dem Dritten Reich zum Opfer fielen, lässt einen teilweise erschaudern. Kann das wieder passieren, nähert sich die politische Ohnmacht angesichts so vieler Unzufriedener erneut? Nun, bei uns geht es beschaulicher zu. Es gibt keine Revolution, die blutig niedergeschlagen wird, keinen Krieg, der die einst nationale Überschätzung in Trümmern hinterlässt. Es geht eher um unseren Besitzstand, den es zu verteidigen, zu wahren gilt. Jahrzehnte sozialer Marktwirtschaft haben uns blind gemacht. Was Teile unserer Gesellschaft als sozialen Fortschritt ansehen, wird von anderen zutiefst verhasst abgelehnt.
Manche Texte schlafen nur. Sie kehren wieder. Nicht nur, weil die Geschichte sich in Wellen bewegt. Der Antisemitismus, der sich in Deutschland wieder breitmacht. Längst werden wieder Menschen ausgegrenzt, angefeindet, und was daraus erwachsen kann, zeigt die Weimarer Republik.
Was die Frage aufwirft, ob ein Autor überhaupt seine Zeit oder die Zeit, in der seine Geschichte spielt, einfangen kann? Während er sie schreibt, glaubt er daran. Die Reagan-Jahre reichten bis in die frühen 1990er-Jahre hinein, dann kam Bush, die Zeiten standen nicht unbedingt auf Entspannung, doch aus unserer Zeit betrachtet, waren Freund wie Feind klar umrissen. In einem waren wir uns einig: Einen Faschismus wie den erlebten, würde es nie wieder geben.
Der Glaube, dass etwas nicht eintreffen kann, weil es nicht eintreffen darf, ist ein sanftes Ruhekissen.
Das Stück „Hasenclever“ zeichnet das Scheitern eines Dichters nach, der aufbegehrte, der belehrte, in der Komödie sein Heil suchte, weil er das Savoir-vivre in Paris genoss und schließlich zum Gejagten wurde.
Sein Freitod in Les Milles ist dem Gefühl der Ausweglosigkeit entsprungen. Aus Nie wieder Krieg ist in unserer Zeit ein Wir müssen uns schützen geworden.
Was passiert als Nächstes? Was in den 1990ern als burlesker Entwurf gegen das auf faktenbasierte Theater eines Peter Weiss angedacht war, komödiantische Züge trug, trägt nun die Züge der Verbitterung.
Wer weiß, wie sich meine Texte in dreißig Jahren lesen.
Vielleicht sind sie ja dann verboten.
No. 3 zum Hörbuch Du Hast den Tod nicht verdient

Die große Täuschung
von
Wolfgang Franßen
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Es lässt sich famos über die Gerechtigkeit streiten. Ist es nun gerecht, dass jeder Fall in einer Serienproduktion, ob als Buch oder TV-Ereignis, sei dahingestellt, nach einer Aufklärung verlangt und die Gerechtigkeit dazu verdammt wird, eine Bestrafung nach sich zu ziehen? Was fordert sie eigentlich ein? Dass wir unser Gewissen zum Stand der Dinge machen? Wir brauchen lediglich über den Nachbarzaun zu schauen, und da wohnt ein anderes Gewissen.Womöglich rechtsradikal. Dass dort die Gerechtigkeit ganz anders aussieht, dafür brauchen wir keine Talkshow. Dem „gesunden“ Volksempfinden begegnen wir Woche für Woche, wenn wir die Mülltonne rausstellen.
Selbst zwei nahestehende Menschen wie Aylin oder Luna im Roman empfinden die Welt unterschiedlich. Dabei müssen sie auf Gerechtigkeit nicht verzichten. Sie ziehen unterschiedliche Schlüsse daraus. Schließlich ist jeder Mensch davon überzeugt, dass das, was ihm an Schrecklichem passiert ist, nicht zu überbieten ist.Was wiederum den Schrei nach Rache freisetzt. Sperrt sie auf ewig weg, beseitigt sie, radiert sie aus, lautet der Aufschrei, je nachdem, welchen Grad das nicht wiedergutzumachende Unheil angenommen hat.
Im Noir, der sich letztlich aus dem Existenzialismus speist, existiert die Hoffnung auf eine Gerechtigkeit kaum. Die Täter gehen häufig straffrei aus. Sie kommen davon. Entspricht das eher unserer Wirklichkeit? Ich neige dazu, zu nicken. Nur schiebt sich gleich der fatale Satz dazwischen, dass die Sieger die Geschichte schreiben, ein offnes wie geschlossenes Ende somit allein dem Leser überlassen wird.
Autoren und Autorinnen werden entmündigt, wenn es um die Gerechtigkeitgeht, je klarer das Volksempfinden ist. Einen Sexualstraftäter lässt man nicht davonkommen. Einen Terroristen macht man den Prozess. Bei Korruption wird es da schon schwierig, die Beweislage zu erstellen.Wenn auch nicht so vertrackt wie bei den Familientragödien, die sich aus sich selbst heraus ernähren. Die verkorkste Kindheit, den Missbrauch, eine saufende Mutter oder einen seelenlosen Vater zur Grundlage der Gerechtigkeit machen.
Aylin ist in Burundi zum Zusehen verurteilt. Ihre Ohnmacht wird zum Aufschrei. Ihr Plan der Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen.Wobei wir wieder bei den Gartenzäunen sind. Er grenzt nicht nur den Rasen vom Nachbargrundstück ab, rechts und links schmecken die Bratwürste unterschiedlich. Die Moral liegt so lange auf dem Grill, bis sie Farbe annimmt
Und Luna Wieck? Die Tochter aus vermögendem Haus, die auf der Selbstsuche ist. Sie wird mitten aus ihrer Idylle gerissen. In ihr muss sich die Frage nach der Gerechtigkeit erst bilden. An ihr zeigt sich, wie die Gerechtigkeit sich allmählich verformt, die es für sie zu Anfang gar nicht geben kann, weil sie ihr aus der Hand genommen wird. Strafverfolgung heißt das Zauberwort.
Wer von den beiden Frauen hat sie also gefunden? Die, die die Gerechtigkeit für sich in Anspruch nimmt und handelt, oder die, die einsieht, dass sie ihr beim Weiterleben nicht helfen wird?
Darüber hinaus sieht die männliche Gerechtigkeit anders aus als die weibliche. Sie existiert, werden beide Seiten schreien. Die an der Philosophie Geschulten behaupten, dass unsere Wirklichkeit nicht existiert, dass wir in mehreren Dimensionen leben, es also mehrere Gerechtigkeiten gibt. Sagen Sie das mal einem Opfer.
Also brauchen wir sie überhaupt? Leben die Überlebenden oder Angehörigen eines Gewaltverbrechens anschließend zufriedener, beruhigter, um das Wort vom Glücklichsein nicht zu strapazieren?
Ja. Eindeutig ja.Weil wir für die Tragödien dieser Welt einen Schuldigen brauchen. Sonst wäre alles eine Farce. Ein komischer Mehrakter. Dann würden wir über die Gerechtigkeit lachen.
Das geht so nicht.
Sonst fällt der Gartenzaun um. Und was dann?
No. 2 zum Hörbuch Himmel über der Grenze

Mal über die Grenze gehen
von
Wolfgang Franßen
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Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Schmuggel im Dreiländereck um Aachen bis hinauf in die Eifel eine Art Volkssport. Die Not in der Bevölkerung, der Hunger war so groß, dass Kinder über die Grenze gingen, um ein Butterbrot zu bekommen und dafür ein Päckchen Kaffee mit zurückzubringen. Um irgendwie zu überleben, liefen Männer wie Frauen in Kolonnen durch den Wald und hofften, belgische wie britische Patrouillen zu umgehen. Später waren es dann die deutschen Zöllner. Was in den Jahren ab 1945 in Art der Prohibition in Amerika verklärt und romantisiert wurde, schlug mitunter absurde deutsche Kapriolen, wenn sie auch nicht dazu führten, im Film eine Art eigenes Genre zu gründen, das Filme wie „Es war einmal in Amerika“ von Sergio Leone hervorbrachte. Sieht man einmal von der „Sündigen Grenze“ ab. Britische wie belgische Soldaten, deutsche Zöllner, Polizisten verdienten gut daran. Schmiere die richtigen Leute und der Weg ist frei. So floss die beschlagnahmte Ware auch umgekehrt von Deutschland nach Belgien oder über die Niederlande nach England. Als Währung dienten vor der Reform Zigaretten. Für zehn Päckchen gab es schon mal einen Goldzahn.
Neben der tragischen Seite gab es eine absurd-komische Welt. Wenn mit Katapulten ganze Säcke voller Kaffee über die Grenze geschleudert wurden. Königlicher Besuch sich mitsamt Standarte, Fahrer und Livree ankündigte und die Schmuggler auf Säcken voller Mokaturc an der Grenze durchgewunken wurden. Ein Pfarrer erwähnte in seiner Predigt, dass seine Kirche einen neuen Glockenturm brauche, und die anschließende Kollekte fiel üppig aus.
Professionelle Schmuggler rüsteten Kaffeepanzer mit Rammstoßstangen und Seilwinden aus, verstärkten die Karosserie mit Stahl, fügten den Reifen Luftkammern hinzu, sodass sie, selbst wenn sie getroffen wurden, die Fahrt fortsetzen konnten. In den Stahl-Windschutzscheiben befanden sich für den Fahrer Sichtschlitze, die hoch klappbar waren, sodass die Männer hinter dem Steuer die Fahrbahn eher erahnen mussten. Ein Fahrer bekam knapp 2.500 Mark, ein Beifahrer 1.500 Mark. Der Warenwert lag bei weit über 10.000 Mark, vor allem, wenn es eine Fuhre rauf ins Ruhrgebiet schaffte. Beliebte Fahrzeuge waren DKW, Citroën, Opel, Olympia und amerikanische Luxusschlitten. Gerne auch Milchtransporter, Leichenwagen, Schneeräumer, die Straßensperren beiseite schoben. Beliebte Hilfsmittel bei Verfolgungsfahrten waren Krähenfüße, auskippbares Öl, um die Verfolger zum Schleudern zu bringen, oder Benzin, das die Strecke hinter einem in Brand setzte. Vor allem schnell musste man sein, unerschrocken, wagemutig und eine leicht kriminelle Ader von den Generationen vor einem geerbt haben. Schmuggel besaß in der Gegend Tradition.
Wer nicht hochaufgerüstet, mitunter auch bewaffnet, sich Schlachten mit den Besatzern und dem Zoll bot, setzte auf Fußtruppen. Kurz nach dem Krieg machten vor allem die Kolonnen das Geschäft. Je größer, umso besser. Die Grenzer konnten nicht alle festsetzen, die da entschlossen auf sie zustürmten. Mit Vor- und Seitenläufern bestückt, die auf Trillerpfeifen pfiffen, sobald sich Patrouillen näherten.
Allerdings galt jede Kolonne ab drei Personen schon als Bande und musste mit Haftstrafen bis zu 3 Monaten rechnen. Wer auf der falschen Seite erwischt wurde, der drehte schon mal eine Runde durch die belgischen Gefängnisse in Lüttich, Hasselt oder Marneffe.
Vor Gericht grassierte der Gedächtnisverlust und sorgte nicht selten für Heiterkeit, wenn einem nicht mal der eigene Name einfiel oder der Angeklagte partout nicht an jenem Ort gewesen sein wollte, wo die Ware beschlagnahmt wurde. Schon bald kannten die Zöllner jedes Versteck in den Zügen und es kam zu verzweifelten Rettungsversuchen durch einen Sprung auf den Bahndamm. Aus Prothesen rieselten Kaffeebohnen, Schwangere befanden sich über Nacht im neunten Monat, Motorräder besaßen gerade so viel Sprit, dass sie es über die Grenze schafften, weil hinter der Trennwand im Tank ein oder zwei Päckchen Schwarze Katze steckten.
Wenn man auf dem Schwarzmarkt erwischt wurde, dem wurde lediglich die Ware eingezogen. Die Soldaten brachten gleich ihre eigenen Aktentaschen und Koffer mit. Sie hatten auch eine Familie zu versorgen. Fuhr trotzdem ein Schmuggler ein, wurde für seine Angehörigen gesorgt. Ihre Familien bekamen Kantinengeld.
Der Kreislauf verlief so reibungslos, weil viele Seiten die Hände aufhielten. Bei Versteigerungen erwarben die Schmuggler nicht selten die von ihnen beschlagnahmten Fahrzeuge über Mittelsmänner zurück.
Kamen Soldaten oder Fahnder vor Gericht, weil sie jemanden erschossen hatten, wurde selten einer verurteilt. Deswegen führten nicht wenige Kolonnen Kinder mit sich, auf die die Zöllner nicht schießen durften. Über fünfzig Menschen starben. Es kam zu Schwerverletzten unter Schmugglern wie Zöllnern. Natürlich gab es auch falsche Fahnder, die in den Wohnungen auftauchten, um Hausdurchsuchungen durchzuführen. Warum sich selber die Hände dreckig machen, wenn es auf kurzem Weg ging?
Bis 1950 blieben die Briten in Aachen. Danach übernahmen die Belgier das Sagen und blieben bis 1955. Das deutsche Zollgrenzkommissariat kontrollierte 14 Kilometer Grenze. Sie konnten nicht überall sein.
Also: Federn verstärken, Sitze ausbauen, Kaffee bis zur Fensterhöhe stapeln und ein schwarzes Tuch darüber werfen. Der Motor brauchte doppelte Kerzen, doppelte Zylinder für den Fall, dass er beschossen wurde. Und los ging’s. Bei Kontrollen immer im ersten Gang bleiben. Beim Blitzstart kurz hupen, damit der Zöllner beiseitespringen konnte.
Mit der Währungsreform von 1948 nahm das Geschäft richtig Fahrt auf. Als die Kaffeesteuer 1956 gesenkt wurde, brach der Absatz ein. Der Kölner Kardinal Frings hatte allen in seiner berühmten Predigt seinen Segen erteilt, indem er anmerkte, dass man sich das Notwendigste zum Leben beschaffen durfte. Mit Gottessegen ließ es sich im katholischen Rheinland unbeschwert überleben.
No. 1 zum Hörbuch Mado

Wie werde ich bloß diese Familie los?
von
Wolfgang Franßen
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Erinnern wir uns ruhig daran, dass egal wohin wir auch gehen, wir uns mitnehmen. Damit auch die Familie. Vor allem, wenn wir uns aus ihr nicht zu lösen vermochten. Blass mögen wir uns entsinnen, wie wir einmal ausbrechen wollten, wie wir rebelliert haben. Natürlich gibt es auch glückliche Familien. Kennen Sie eine? So rundum glücklich, bis in den Kreis der Tanten hinein, der Angeheirateten, dem cholerischen Onkel, der jedes Familienfest sprengt, den giftigen Pfeilspitzen hinter einem falschen Lächeln? Was würden wir ohne sie tun? Wie arm wäre doch unser Leben ohne sie? Wem sollten wir die Schuld an dieser verkorksten Jugend geben?
Mado flieht vor ihrer Kindheit nach Paris. Feiert, arbeitet, hält sich über Wasser und begibt sich in neue Abhängigkeiten. Bevor ich sie in ein Wartezimmer eines Therapeuten schicke, lautet die Frage eher: Hält sie das durch? Wieso glauben wir, wenn wir zu Hause ausziehen, steht uns die Welt offen? Weil die familiäre Brandung unwiderstehlich ist. Mal ganz abgesehen davon, dass wir glauben, ganz anders zu sein, als andere uns sehen. Nicht so verbohrt, nicht so besserwisserisch, klüger. Dabei warten wir ein Leben lang. Dass die Mutter was einsieht. Der Vater endlich mal da ist. Der Bruder ein Bruder. Die Schwester … ja, hätten wir nur eine Schwester gehabt … oder auch: Meine kannst du geschenkt haben. Mitunter die ganze Familie. Nur, wer würde sie nehmen?
Mado kehrt zurück, weiß, was sie in der Bretagne erwartet. Hier ist ihr einziger Zufluchtsort. Denn Blut ist dicker als Wasser. Die Großmutter hat immer auf sie aufgepasst. In schlechten Zeiten hält man zusammen. Genauso viele Sprüche als Grund, um eine Familie zu verlassen, gibt es solche, die uns vorgaukeln, ein Nest zu besitzen. Auch wenn Mado nach der Rückkehr sich erneut Kämpfe mit ihrer Mutter liefert. Zu ähnlich sind sie sich. Schrecklich der Gedanke, dass wir Eigenschaften mit in die Wiege gelegt bekamen, die wir nicht loswerden.
Ein unbekannter Vater, eine eisern ausharrende Mutter, eine nervige Schwester, die Großmutter, die als Legende in einer kleinen Wohnung hockt und auf den Tod wartet. Mados Welt. Auch bei uns ist die Empörung groß, wenn einer oder eine es wagen, zu behaupten: Du bist wie deine Mutter, dein Vater. Wobei dies ausnahmsweise geschlechterneutral ist. Ein Sohn kann wie seine Mutter sein, eine Tochter wie ihr Vater. Niemals beides zugleich. Wer keine Verbindung herstellt, fremdelt, der besitzt keinen Stallgeruch.
Mado ist nur auf der Durchreise. Sie versteckt sich. Sie sucht Schutz. In ihr kommt eine der in sich verborgenen Kräfte von Familien zum Tragen: Wird es ernst, stehen wir zusammen. Egal, was da komme. Schon mancher ist da enttäuscht worden. Unter zerstörten Brücken kann man nicht einmal herlaufen. Höchstens auf den Trümmern herumtanzen. Erst muss einer oder eine etwas verbrochen haben, damit sie oder er in den Schoß der Familie zurückkehren darf.
Hast du begriffen, schaffst du dir am besten eigene Kinder an und verseuchst sie mit dir, dann darfst du am Kreislauf des Lebens teilnehmen. Und wehe, du widersetzt dich, glaubst, alles anders, alles besser machen zu können. Du musst einsehen, dass in einer Familie keiner Schuld trägt. Der einzige Ablass, den die Kirche einem nicht gewährt. Das wärmt das Herz. Man kann nichts dafür. Lässt sich wunderbar als Schuldzuweisung lebenslang aufrechterhalten.
Was sucht Mado in ihrem zerrütteten Zuhause? Sie weiß es selbst nicht. Woher auch? Da gibt es so viel zu erleben, um herauszufinden, wer sie ist. Ihre Zukunft liegt im Abenteuer angesichts einer Gegenwart, die abschreckt. Da ist zu viel Wut über ihren gescheiterten Ausbruch. Paris, das klang verlockend. Wer von zu Hause weggezogen ist, den wird der Irrtum, hunderte Kilometer zwischen sich und der Familie zu wissen, das trügerische Gefühl, endlich frei zu sein, in die Knie zwingen. Endlich bin ich mein eigener Herr, meine eigene Frau. Kein Gemecker mehr bei den Mahlzeiten. Keine Ermahnungen, zu viel zu trinken, zu rauchen, zu essen. Vor allem muss man sich nicht mehr dauernd entschuldigen.
Mado ist gebrandmarkt von Erwartungen, die sie nie erfüllen konnte. Selbst die übergroße Großmutter, die als Schmugglerin überlebensgroß ist, erlebte einen Absturz und wartet nun in ihrer Wohnung noch auf den Tod. Eine Frau, die ein selbstbestimmtes Leben gelebt hat. Mados Vorbild? Leben wir unseren Kindern, Enkeln das Leben vor, das sie sicher durch die Jahre führen wird? Natürlich. Deswegen verfallen wir bei der Partnerwahl einem dominanten Mann oder einer versoffenen Frau, mit denen wir durchs Leben wanken wollen. Natürlich gibt es auch glückliche Familien, in denen die Kinder jenen Beruf ergreifen, den die Eltern sich für sie wünschen. In denen sie den Mann oder die Frau finden, die gleich in die Familie aufgenommen werden.
Außerdem gibt es diesen abgeblätterten Satz von Tolstoi, der stets zitiert wird, wenn es um die Familie an sich geht: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Na dann. Tolstoi war ein erfahrener Schriftsteller. Ein Weltliterat. Er muss es wissen. Also, was ist mit den glücklichen Familien, den Schimären, den Oasen, lässt das Schicksal sie in Ruhe? Kein plötzlicher Tod, keine unheilbare Krankheit, kein Missbrauch, kein gehütetes Geheimnis? Kein Schein, der aufrechterhalten werden muss? Wie langweilig. Wie selbstsüchtig. Alle Cliffhanger versinken im Meer. Wollen wir wirklich mit einer glücklichen Familie befreundet sein, die uns täglich vor Augen führt, was für Versager wir sind? Oder nicht lieber mit einer, die noch hilfloser als die eigene ist.
Als Mado 2021 im Europa Verlag erschien, machte ich die Erfahrung, die Generationen von Schriftstellern und Schriftstellerinnen vor mir gemacht haben. Leser lesen ihr eigenes Buch. So wie jeder sein eigenes Gemälde betrachtet, jeder sein eigenes Konzert besucht, suchen wir in den Geschichten etwas, was wir nachempfinden, eine Figur, deren Überzeugung wir teilen, deren Leidenschaft unserer eigenen nahekommt. Bei einer Lesung trat mir eine Frau gegenüber, die der Meinung war, dass Mado eine ganz fürchterliche Person sei, die ihre Familie kaputtmacht. Was? Meine Mado? Was hatte ich da geschrieben? Mado will nur frei sein. Mado rebelliert, um überleben zu können. Mado zerstört nicht ihre Familie, die ist schon kaputt. So ist das mit Geschichten. Man darf ihnen nicht trauen.
Sie sind wie wir. Sie wissen nicht, wie sie sind. Sie hängen davon ab, wie wir sie sehen.