No. 3 zu Du Hast den Tod nicht verdient

Die große Täuschung
von
Wolfgang Franßen
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Es lässt sich famos über die Gerechtigkeit streiten. Ist es nun gerecht, dass jeder Fall in einer Serienproduktion, ob als Buch oder TV-Ereignis, sei dahingestellt, nach einer Aufklärung verlangt und die Gerechtigkeit dazu verdammt wird, eine Bestrafung nach sich zu ziehen? Was fordert sie eigentlich ein? Dass wir unser Gewissen zum Stand der Dinge machen? Wir brauchen lediglich über den Nachbarzaun zu schauen, und da wohnt ein anderes Gewissen.Womöglich rechtsradikal. Dass dort die Gerechtigkeit ganz anders aussieht, dafür brauchen wir keine Talkshow. Dem „gesunden“ Volksempfinden begegnen wir Woche für Woche, wenn wir die Mülltonne rausstellen.
Selbst zwei nahestehende Menschen wie Aylin oder Luna im Roman empfinden die Welt unterschiedlich. Dabei müssen sie auf Gerechtigkeit nicht verzichten. Sie ziehen unterschiedliche Schlüsse daraus. Schließlich ist jeder Mensch davon überzeugt, dass das, was ihm an Schrecklichem passiert ist, nicht zu überbieten ist.Was wiederum den Schrei nach Rache freisetzt. Sperrt sie auf ewig weg, beseitigt sie, radiert sie aus, lautet der Aufschrei, je nachdem, welchen Grad das nicht wiedergutzumachende Unheil angenommen hat.
Im Noir, der sich letztlich aus dem Existenzialismus speist, existiert die Hoffnung auf eine Gerechtigkeit kaum. Die Täter gehen häufig straffrei aus. Sie kommen davon. Entspricht das eher unserer Wirklichkeit? Ich neige dazu, zu nicken. Nur schiebt sich gleich der fatale Satz dazwischen, dass die Sieger die Geschichte schreiben, ein offnes wie geschlossenes Ende somit allein dem Leser überlassen wird.
Autoren und Autorinnen werden entmündigt, wenn es um die Gerechtigkeitgeht, je klarer das Volksempfinden ist. Einen Sexualstraftäter lässt man nicht davonkommen. Einen Terroristen macht man den Prozess. Bei Korruption wird es da schon schwierig, die Beweislage zu erstellen.Wenn auch nicht so vertrackt wie bei den Familientragödien, die sich aus sich selbst heraus ernähren. Die verkorkste Kindheit, den Missbrauch, eine saufende Mutter oder einen seelenlosen Vater zur Grundlage der Gerechtigkeit machen.
Aylin ist in Burundi zum Zusehen verurteilt. Ihre Ohnmacht wird zum Aufschrei. Ihr Plan der Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen.Wobei wir wieder bei den Gartenzäunen sind. Er grenzt nicht nur den Rasen vom Nachbargrundstück ab, rechts und links schmecken die Bratwürste unterschiedlich. Die Moral liegt so lange auf dem Grill, bis sie Farbe annimmt
Und Luna Wieck? Die Tochter aus vermögendem Haus, die auf der Selbstsuche ist. Sie wird mitten aus ihrer Idylle gerissen. In ihr muss sich die Frage nach der Gerechtigkeit erst bilden. An ihr zeigt sich, wie die Gerechtigkeit sich allmählich verformt, die es für sie zu Anfang gar nicht geben kann, weil sie ihr aus der Hand genommen wird. Strafverfolgung heißt das Zauberwort.
Wer von den beiden Frauen hat sie also gefunden? Die, die die Gerechtigkeit für sich in Anspruch nimmt und handelt, oder die, die einsieht, dass sie ihr beim Weiterleben nicht helfen wird?
Darüber hinaus sieht die männliche Gerechtigkeit anders aus als die weibliche. Sie existiert, werden beide Seiten schreien. Die an der Philosophie Geschulten behaupten, dass unsere Wirklichkeit nicht existiert, dass wir in mehreren Dimensionen leben, es also mehrere Gerechtigkeiten gibt. Sagen Sie das mal einem Opfer.
Also brauchen wir sie überhaupt? Leben die Überlebenden oder Angehörigen eines Gewaltverbrechens anschließend zufriedener, beruhigter, um das Wort vom Glücklichsein nicht zu strapazieren?
Ja. Eindeutig ja.Weil wir für die Tragödien dieser Welt einen Schuldigen brauchen. Sonst wäre alles eine Farce. Ein komischer Mehrakter. Dann würden wir über die Gerechtigkeit lachen.
Das geht so nicht.
Sonst fällt der Gartenzaun um. Und was dann?
No. 2 zu Himmel über der Grenze

Mal über die Grenze gehen
von
Wolfgang Franßen
@Kristof Bellens/shutterstock
Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Schmuggel im Dreiländereck um Aachen bis hinauf in die Eifel eine Art Volkssport. Die Not in der Bevölkerung, der Hunger war so groß, dass Kinder über die Grenze gingen, um ein Butterbrot zu bekommen und dafür ein Päckchen Kaffee mit zurückzubringen. Um irgendwie zu überleben, liefen Männer wie Frauen in Kolonnen durch den Wald und hofften, belgische wie britische Patrouillen zu umgehen. Später waren es dann die deutschen Zöllner. Was in den Jahren ab 1945 in Art der Prohibition in Amerika verklärt und romantisiert wurde, schlug mitunter absurde deutsche Kapriolen, wenn sie auch nicht dazu führten, im Film eine Art eigenes Genre zu gründen, das Filme wie „Es war einmal in Amerika“ von Sergio Leone hervorbrachte. Sieht man einmal von der „Sündigen Grenze“ ab. Britische wie belgische Soldaten, deutsche Zöllner, Polizisten verdienten gut daran. Schmiere die richtigen Leute und der Weg ist frei. So floss die beschlagnahmte Ware auch umgekehrt von Deutschland nach Belgien oder über die Niederlande nach England. Als Währung dienten vor der Reform Zigaretten. Für zehn Päckchen gab es schon mal einen Goldzahn.
Neben der tragischen Seite gab es eine absurd-komische Welt. Wenn mit Katapulten ganze Säcke voller Kaffee über die Grenze geschleudert wurden. Königlicher Besuch sich mitsamt Standarte, Fahrer und Livree ankündigte und die Schmuggler auf Säcken voller Mokaturc an der Grenze durchgewunken wurden. Ein Pfarrer erwähnte in seiner Predigt, dass seine Kirche einen neuen Glockenturm brauche, und die anschließende Kollekte fiel üppig aus.
Professionelle Schmuggler rüsteten Kaffeepanzer mit Rammstoßstangen und Seilwinden aus, verstärkten die Karosserie mit Stahl, fügten den Reifen Luftkammern hinzu, sodass sie, selbst wenn sie getroffen wurden, die Fahrt fortsetzen konnten. In den Stahl-Windschutzscheiben befanden sich für den Fahrer Sichtschlitze, die hoch klappbar waren, sodass die Männer hinter dem Steuer die Fahrbahn eher erahnen mussten. Ein Fahrer bekam knapp 2.500 Mark, ein Beifahrer 1.500 Mark. Der Warenwert lag bei weit über 10.000 Mark, vor allem, wenn es eine Fuhre rauf ins Ruhrgebiet schaffte. Beliebte Fahrzeuge waren DKW, Citroën, Opel, Olympia und amerikanische Luxusschlitten. Gerne auch Milchtransporter, Leichenwagen, Schneeräumer, die Straßensperren beiseite schoben. Beliebte Hilfsmittel bei Verfolgungsfahrten waren Krähenfüße, auskippbares Öl, um die Verfolger zum Schleudern zu bringen, oder Benzin, das die Strecke hinter einem in Brand setzte. Vor allem schnell musste man sein, unerschrocken, wagemutig und eine leicht kriminelle Ader von den Generationen vor einem geerbt haben. Schmuggel besaß in der Gegend Tradition.
Wer nicht hochaufgerüstet, mitunter auch bewaffnet, sich Schlachten mit den Besatzern und dem Zoll bot, setzte auf Fußtruppen. Kurz nach dem Krieg machten vor allem die Kolonnen das Geschäft. Je größer, umso besser. Die Grenzer konnten nicht alle festsetzen, die da entschlossen auf sie zustürmten. Mit Vor- und Seitenläufern bestückt, die auf Trillerpfeifen pfiffen, sobald sich Patrouillen näherten.
Allerdings galt jede Kolonne ab drei Personen schon als Bande und musste mit Haftstrafen bis zu 3 Monaten rechnen. Wer auf der falschen Seite erwischt wurde, der drehte schon mal eine Runde durch die belgischen Gefängnisse in Lüttich, Hasselt oder Marneffe.
Vor Gericht grassierte der Gedächtnisverlust und sorgte nicht selten für Heiterkeit, wenn einem nicht mal der eigene Name einfiel oder der Angeklagte partout nicht an jenem Ort gewesen sein wollte, wo die Ware beschlagnahmt wurde. Schon bald kannten die Zöllner jedes Versteck in den Zügen und es kam zu verzweifelten Rettungsversuchen durch einen Sprung auf den Bahndamm. Aus Prothesen rieselten Kaffeebohnen, Schwangere befanden sich über Nacht im neunten Monat, Motorräder besaßen gerade so viel Sprit, dass sie es über die Grenze schafften, weil hinter der Trennwand im Tank ein oder zwei Päckchen Schwarze Katze steckten.
Wenn man auf dem Schwarzmarkt erwischt wurde, dem wurde lediglich die Ware eingezogen. Die Soldaten brachten gleich ihre eigenen Aktentaschen und Koffer mit. Sie hatten auch eine Familie zu versorgen. Fuhr trotzdem ein Schmuggler ein, wurde für seine Angehörigen gesorgt. Ihre Familien bekamen Kantinengeld.
Der Kreislauf verlief so reibungslos, weil viele Seiten die Hände aufhielten. Bei Versteigerungen erwarben die Schmuggler nicht selten die von ihnen beschlagnahmten Fahrzeuge über Mittelsmänner zurück.
Kamen Soldaten oder Fahnder vor Gericht, weil sie jemanden erschossen hatten, wurde selten einer verurteilt. Deswegen führten nicht wenige Kolonnen Kinder mit sich, auf die die Zöllner nicht schießen durften. Über fünfzig Menschen starben. Es kam zu Schwerverletzten unter Schmugglern wie Zöllnern. Natürlich gab es auch falsche Fahnder, die in den Wohnungen auftauchten, um Hausdurchsuchungen durchzuführen. Warum sich selber die Hände dreckig machen, wenn es auf kurzem Weg ging?
Bis 1950 blieben die Briten in Aachen. Danach übernahmen die Belgier das Sagen und blieben bis 1955. Das deutsche Zollgrenzkommissariat kontrollierte 14 Kilometer Grenze. Sie konnten nicht überall sein.
Also: Federn verstärken, Sitze ausbauen, Kaffee bis zur Fensterhöhe stapeln und ein schwarzes Tuch darüber werfen. Der Motor brauchte doppelte Kerzen, doppelte Zylinder für den Fall, dass er beschossen wurde. Und los ging’s. Bei Kontrollen immer im ersten Gang bleiben. Beim Blitzstart kurz hupen, damit der Zöllner beiseitespringen konnte.
Mit der Währungsreform von 1948 nahm das Geschäft richtig Fahrt auf. Als die Kaffeesteuer 1956 gesenkt wurde, brach der Absatz ein. Der Kölner Kardinal Frings hatte allen in seiner berühmten Predigt seinen Segen erteilt, indem er anmerkte, dass man sich das Notwendigste zum Leben beschaffen durfte. Mit Gottessegen ließ es sich im katholischen Rheinland unbeschwert überleben.
No. 1 zu Mado

Wie werde ich bloß diese Familie los?
von
Wolfgang Franßen
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Erinnern wir uns ruhig daran, dass egal wohin wir auch gehen, wir uns mitnehmen. Damit auch die Familie. Vor allem, wenn wir uns aus ihr nicht zu lösen vermochten. Blass mögen wir uns entsinnen, wie wir einmal ausbrechen wollten, wie wir rebelliert haben. Natürlich gibt es auch glückliche Familien. Kennen Sie eine? So rundum glücklich, bis in den Kreis der Tanten hinein, der Angeheirateten, dem cholerischen Onkel, der jedes Familienfest sprengt, den giftigen Pfeilspitzen hinter einem falschen Lächeln? Was würden wir ohne sie tun? Wie arm wäre doch unser Leben ohne sie? Wem sollten wir die Schuld an dieser verkorksten Jugend geben?
Mado flieht vor ihrer Kindheit nach Paris. Feiert, arbeitet, hält sich über Wasser und begibt sich in neue Abhängigkeiten. Bevor ich sie in ein Wartezimmer eines Therapeuten schicke, lautet die Frage eher: Hält sie das durch? Wieso glauben wir, wenn wir zu Hause ausziehen, steht uns die Welt offen? Weil die familiäre Brandung unwiderstehlich ist. Mal ganz abgesehen davon, dass wir glauben, ganz anders zu sein, als andere uns sehen. Nicht so verbohrt, nicht so besserwisserisch, klüger. Dabei warten wir ein Leben lang. Dass die Mutter was einsieht. Der Vater endlich mal da ist. Der Bruder ein Bruder. Die Schwester … ja, hätten wir nur eine Schwester gehabt … oder auch: Meine kannst du geschenkt haben. Mitunter die ganze Familie. Nur, wer würde sie nehmen?
Mado kehrt zurück, weiß, was sie in der Bretagne erwartet. Hier ist ihr einziger Zufluchtsort. Denn Blut ist dicker als Wasser. Die Großmutter hat immer auf sie aufgepasst. In schlechten Zeiten hält man zusammen. Genauso viele Sprüche als Grund, um eine Familie zu verlassen, gibt es solche, die uns vorgaukeln, ein Nest zu besitzen. Auch wenn Mado nach der Rückkehr sich erneut Kämpfe mit ihrer Mutter liefert. Zu ähnlich sind sie sich. Schrecklich der Gedanke, dass wir Eigenschaften mit in die Wiege gelegt bekamen, die wir nicht loswerden.
Ein unbekannter Vater, eine eisern ausharrende Mutter, eine nervige Schwester, die Großmutter, die als Legende in einer kleinen Wohnung hockt und auf den Tod wartet. Mados Welt. Auch bei uns ist die Empörung groß, wenn einer oder eine es wagen, zu behaupten: Du bist wie deine Mutter, dein Vater. Wobei dies ausnahmsweise geschlechterneutral ist. Ein Sohn kann wie seine Mutter sein, eine Tochter wie ihr Vater. Niemals beides zugleich. Wer keine Verbindung herstellt, fremdelt, der besitzt keinen Stallgeruch.
Mado ist nur auf der Durchreise. Sie versteckt sich. Sie sucht Schutz. In ihr kommt eine der in sich verborgenen Kräfte von Familien zum Tragen: Wird es ernst, stehen wir zusammen. Egal, was da komme. Schon mancher ist da enttäuscht worden. Unter zerstörten Brücken kann man nicht einmal herlaufen. Höchstens auf den Trümmern herumtanzen. Erst muss einer oder eine etwas verbrochen haben, damit sie oder er in den Schoß der Familie zurückkehren darf.
Hast du begriffen, schaffst du dir am besten eigene Kinder an und verseuchst sie mit dir, dann darfst du am Kreislauf des Lebens teilnehmen. Und wehe, du widersetzt dich, glaubst, alles anders, alles besser machen zu können. Du musst einsehen, dass in einer Familie keiner Schuld trägt. Der einzige Ablass, den die Kirche einem nicht gewährt. Das wärmt das Herz. Man kann nichts dafür. Lässt sich wunderbar als Schuldzuweisung lebenslang aufrechterhalten.
Was sucht Mado in ihrem zerrütteten Zuhause? Sie weiß es selbst nicht. Woher auch? Da gibt es so viel zu erleben, um herauszufinden, wer sie ist. Ihre Zukunft liegt im Abenteuer angesichts einer Gegenwart, die abschreckt. Da ist zu viel Wut über ihren gescheiterten Ausbruch. Paris, das klang verlockend. Wer von zu Hause weggezogen ist, den wird der Irrtum, hunderte Kilometer zwischen sich und der Familie zu wissen, das trügerische Gefühl, endlich frei zu sein, in die Knie zwingen. Endlich bin ich mein eigener Herr, meine eigene Frau. Kein Gemecker mehr bei den Mahlzeiten. Keine Ermahnungen, zu viel zu trinken, zu rauchen, zu essen. Vor allem muss man sich nicht mehr dauernd entschuldigen.
Mado ist gebrandmarkt von Erwartungen, die sie nie erfüllen konnte. Selbst die übergroße Großmutter, die als Schmugglerin überlebensgroß ist, erlebte einen Absturz und wartet nun in ihrer Wohnung noch auf den Tod. Eine Frau, die ein selbstbestimmtes Leben gelebt hat. Mados Vorbild? Leben wir unseren Kindern, Enkeln das Leben vor, das sie sicher durch die Jahre führen wird? Natürlich. Deswegen verfallen wir bei der Partnerwahl einem dominanten Mann oder einer versoffenen Frau, mit denen wir durchs Leben wanken wollen. Natürlich gibt es auch glückliche Familien, in denen die Kinder jenen Beruf ergreifen, den die Eltern sich für sie wünschen. In denen sie den Mann oder die Frau finden, die gleich in die Familie aufgenommen werden.
Außerdem gibt es diesen abgeblätterten Satz von Tolstoi, der stets zitiert wird, wenn es um die Familie an sich geht: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Na dann. Tolstoi war ein erfahrener Schriftsteller. Ein Weltliterat. Er muss es wissen. Also, was ist mit den glücklichen Familien, den Schimären, den Oasen, lässt das Schicksal sie in Ruhe? Kein plötzlicher Tod, keine unheilbare Krankheit, kein Missbrauch, kein gehütetes Geheimnis? Kein Schein, der aufrechterhalten werden muss? Wie langweilig. Wie selbstsüchtig. Alle Cliffhanger versinken im Meer. Wollen wir wirklich mit einer glücklichen Familie befreundet sein, die uns täglich vor Augen führt, was für Versager wir sind? Oder nicht lieber mit einer, die noch hilfloser als die eigene ist.
Als Mado 2021 im Europa Verlag erschien, machte ich die Erfahrung, die Generationen von Schriftstellern und Schriftstellerinnen vor mir gemacht haben. Leser lesen ihr eigenes Buch. So wie jeder sein eigenes Gemälde betrachtet, jeder sein eigenes Konzert besucht, suchen wir in den Geschichten etwas, was wir nachempfinden, eine Figur, deren Überzeugung wir teilen, deren Leidenschaft unserer eigenen nahekommt. Bei einer Lesung trat mir eine Frau gegenüber, die der Meinung war, dass Mado eine ganz fürchterliche Person sei, die ihre Familie kaputtmacht. Was? Meine Mado? Was hatte ich da geschrieben? Mado will nur frei sein. Mado rebelliert, um überleben zu können. Mado zerstört nicht ihre Familie, die ist schon kaputt. So ist das mit Geschichten. Man darf ihnen nicht trauen.
Sie sind wie wir. Sie wissen nicht, wie sie sind. Sie hängen davon ab, wie wir sie sehen.